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Konsistenz von Benutzeroberflächen

Marchel Wichmann:

Warum war Tweetie, bevor Twitter es fickte, so toll? Was machte das Programm zu einem, das man am Tag 30 Mal nutzen konnte, ohne davon genervt zu sein? Es hatte kein wirkliches Design. Es waren zum Großteil iOS Standardelemente, wie sie auch in Mail zu finden sind. iOS-Standardverhalten und iOS Standardfarben. Tweetie fühlte sich an, als gehörte es zu iOS, es war kein Programm von Twitter, sondern eines für Twitter. Beim Wechsel von Mail zu Twitter, oder von Messages zu Twitter oder von irgendeiner anderen Standard-iOS-App zu Twitter, merkte man keinen wirklichen optischen Bruch.

Das allerwichtigste daran ist meiner Meinung nach das iOS-Standardverhalten. Wenn ein Benutzer eine iOS-App zu nutzen, dann hat er mit sehr großer Wahrscheinlichkeit schon hunderte Stunden Standardapps und Apps die den iOS-Standards folgen benutzt. Das bedeutet nichts anderes, als das ein Benutzer weiß wie sich eine App zu verhalten hat. Das ist unglaublich wichtig, aber viele Entwickler vergessen das immer wieder. Der Benutzer weiß wie eine App zu bedienen ist, nicht der Entwickler.

Beispiel? Einer meiner allerliebsten Onlinedienste ist Evernote. Und obwohl es sich dabei um einen Onlinedienst handelt, nutze ich ihn ausschließlich über native Apps. Die meiste Zeit handelt es sich dabei um den OS X Client, aber ich nutze auch täglich die iPad und iPhone Version. Der Bildschirm der Evernote-App den ich vermutlich am häufigsten sehe ist der Settings- bzw. Info-Screen. Warum? Wenn man im All Notes-Screen ist, wird links oben der Settings-Button angezeigt, im Notesbook-Screen wird links oben der Info-Button angezeigt. Das ist falsch. Links oben ist unter iOS der Zurück-Button. Wenn ich am iPhone links oben auf einen Button drücke dann möchte ich zurück auf den vorigen Bildschirm. Ich weiß das, egal welchen Button der Entwickler in einer bestimmten App links oben positioniert hat, ich drücke täglich dutzende Male links oben auf einen Button um einen Bildschirm zurück zu wechseln. Der Entwickler hatte vermutlich keinen anderen Platz gefunden und links oben war im vordersten Bildschirm der App noch frei, also wurde der Button dort platziert. Und darum ärgere ich mich täglich mehrmals weil ich immer wieder die Settings wegdrücken muss.

Der aufmerksame iPhone-Benutzer wird jetzt vielleicht sagen “Aber in der Messages-App ist links oben der Edit-Button”. Das ist richtig und gelegentlich drücke ich diesen Edit-Button auch versehentlich, aber der große Unterschied zwischen Evernote und Messages ist, dass Evernote zahlreiche Ansichten hat durch die man sich navigieren muss, während Messages zwei hat. Zudem sind die zwei Messages-Ansichten optisch sehr deutlich voneinander zu unterscheiden. Nicht optimal, aber es geht.

Wenn ihr ein iPhone habt, dann nehmt es jetzt aus der Tasche und schaut euch die Apps von Apple an. Mail, Contacts, Settings. Diese Apps haben viele verschiedene Ansichten und in der “obersten” ist niemals ein Button links oben zu sehen. (In Contacts ist links oben ein Aktualisieren-Button, aber dieser ändert nicht die Ansicht.) Messages, Recent und Favorites in der Phone-App haben links oben eine Button, aber jeweils nur zwei Schichten.

Marcel hat in seinem Beitrag auch TweetBot angesprochen. Ja, diese App fühlt sich etwas fremd an und es wurden zahlreiche Funktionen und Gesten eingebaut die nicht iOS-Standard sind. Allerdings ersetzen neue Gesten wie zB Dreifach-Tap oder “lange gedrückt halten” keine iOS-Standards sondern ergänzen sie lediglich. Wenn ich auf einen einzelnen Tweet lange drückte erscheint das Menü mit zB “Send to Instapaper”, “Post Link to Tweet” usw. Ich kann aber auch einmal auf den Tweet tappen, auf den Button für Detail klicken und im nächsten Bildschirm links unten auf den Button drücken um das selbe Menü aufzurufen. “Lange gedrückt halten” ist ein Shortcut für erfahrene Benutzer. Genauso wie mein Vater auf “Datei > Datei speichern” klickt während ich Cmd+S auf meiner Tastatur drücke.

Zusätzlich möchte ich anmerken, dass es durchaus möglich ist, das Entwickler ein neues iOS-Standardverhalten einführen. Man denke zB an “Pull to Reload”, also wenn man den Bildschirm nach unten zieht um neue Elemente zu laden. Dieses Verhalten wurde zuerst von Tweetie eingeführt und mittlerweile ist es beinahe Standard und wird von Facebook und vielen anderen überaus populären Apps genutzt. Ich kann mir durchaus vorstellen das auch Apple diese Geste in ihren Apps einführt.

Ich weiß, dass Marcel bei der QUOTE.fm-App diese Dinge bedenken wird und ich weiß, dass sie großartig wird und ich freue mich jeden Tag mehr auf die App. Wenn ich mir die Screenshots ansehe, die er von Zeit zu Zeit postet, dann sieht man, dass er gute Balance zwischen eigenem Design und Ideen und iOS-Standards sucht und auch findet. Sollten die QUOTE.fm Jungs die App so hinkriegen, wie es derzeit aussieht, dann wird sie vermutlich zu einer meiner Lieblingsapps werden. Sein Beitrag erinnerte mich aber daran, dass ich mich schon seit langer Zeit über “links oben muss der Zurück-Button” sein über iOS-Apps im generellen und über Evernote im speziellen aufregen wollte. Danke für die Aufmerksamkeit.

Scrollen in Spotify

Scrollen in Spotify

Spotify Interface Designer:

“Dieser Inhalt ist zu lang für das Fenster, wir müssen eine Scrollbar einbauen.”
“Wie langweilig, jeder macht Scrollbars. Wir machen zwei Buttons.”
“Super Idee. Und wenn jemand trotzdem scrollt, dann bewegt sich einfach ein anderes Fenster.”

QR-Codes auf Webseiten

QR-Codes auf YouTube

VEVO gewinnt übrigens den Preis für die dümmste Einsetzung von QR-Codes.

Links statt QR-Codes?

Marcel Wichmann:

Was spricht gegen stark verbesserte Texterkennung und das Scannen von normalen Links auf Plakaten? Bitte? Zukunft?

Die Texterkennung müsste in den meisten Fällen bereits funktionieren. Das Problem ist dem User zu kommunizieren, dass er den Link fotografieren kann um ihn aufzurufen. QR-Codes sind ein störendes Element und daher nimmt der User an, dass er damit etwas machen kann. Allerdings wäre die Verwendung von Links anstatt QR-Codes genau daher ein gutes Fallback. User die über Texterkennung Bescheid wissen fotografieren den Link, deine Mutter tippt ihn ein. Letztendlich sind QR-Codes derzeit wohl mehr ein Marketing-Gag: “Hey, schaut uns an, wir sind modern, wir verwenden QR-Codes.”

Deep App Integration

Ursprünglich wollte ich diesen Artikel beginnen mit: Am iPhone stört mich am meisten, dass Apps keine Integration für andere Apps bieten. Aber nachdem ich kurz nachdachte, beginne ich diesen Artikel mit: An Computer stört mich am meisten, dass Apps keine Integration für andere Apps bieten.

Was ich damit meine? Beginnen wir mit einem Beispiel, bei dem App Integration schon wunderbar funktioniert. Ich habe im Adressbuch meines iPhones einen Kontakt mit Adresse gespeichert, wenn ich auf die Adresse klicke wird Google Maps geöffnet. Da ist ziemlich praktisch, wenn man unterwegs ist und nicht genau weiß wo man hin muss.

Integration Adressbuch und Google Maps am iPhone

Allerdings sollte meiner Meinung nach, das noch viel weiter gehen. Sagen wir ich bin in Büro und habe um 19 Uhr einen Termin mit einer Unigruppe. Natürlich weiß ich nicht wo wir uns treffen und ich weiß auch nicht wie dort hinkomme. Sprich, ich muss nicht nur herausfinden wie der Ort heißt und wo er sich befindet sondern auch welche U-Bahnen, Busse oder Straßenbahnen ich benutzen muss um dorthin zu kommen. Das könnte zum Beispiel so aussehen:

Integration iCal und Adressbuch
Im ersten Schritt öffne ich meinen Kalender, suche den Termin. Wenn ich auf den Ort, in diesem Beispiel Museumsquartier, klicke wird das Adressbuch mit diesem Kontakt geöffnet.

Integration Adressbuch und qando
Wenn ich jetzt im Adressbuch auf die Adresse klicke, möchte ich nicht Google Maps öffnen, sondern qando (die App der Wiener Linien). Daher ein kurzer Zwischendialog, ich wähle qando aus und schon kann ich den meinen Fahrplan abrufen.

Integration Kalender und qando
Und natürlich könnte auch der Kalender schon eine Option anbieten einen Ort nicht im Adressbuch, sondern direkt in der Fahrplan-App zu öffnen. In diesem Fall könnte auch als Gewünschte Ankunftszeit in qando die Startzeit des Termins eingetragen werden.

Es gibt noch zig andere Fälle in denen eine ordentliche Integration von Apps mein Leben (und das aller anderen iPhone-Nutzer) erheblich einfacher machen würden.

Aber ist dies technisch überhaupt möglich? Ja, natürlich. Apps könnten Inputparameter mit einem gewissen Typ haben. In dem Beispiel oben hätte qando als Inputparameter location und zusätzlich als optionaler Parameter time. Die App kann dann im Betriebssystem registrieren, dass sie diese Parameter akzeptiert. Ein Feld wie Adresse im Adressbuch könnte jetzt einen Outputparameter haben, also location. Wenn ein Nutzer so einen Button mit Outputparameter anklickt, dann kann iOS nachschauen welche Apps diesen Typ als Inputparameter akzeptieren und diese im Menü darstellen bzw. sofort aufrufen falls nur eine App existiert. Und was passiert, wenn man 10 Apps installiert hat, die diesen Parameter akzeptieren? Entweder ein intelligenter Algorithmus (am häufigsten verwendet bzw. zuletzt verwendet) in Kombination mit Zeige alle oder eine Konfigurationsmöglichkeit in den Einstellungen um festzulegen welcher Parametertyp mit welcher App geöffnet werden soll.

Und um am Ende wieder auf den Beginn des Artikels zurückzukommen. Bei genauerem nachdenken gibt es das auch auf Desktopcomputer nicht. Es fällt nicht so sehr auf, da Copy’n'Paste wesentlich schneller anzuwenden ist, Programme nebeneinander am Desktop laufen können und weil man das Dateisystem nutzen kann. Aber eine wirkliche Integration von verschiedenen Apps gibt es nur in wenigen Fällen.

do-reply@amazon.de

Ich habe eine E-Mail von Amazon erhalten, dass es Probleme mit meiner Bestellung gab. Der Inhalt der E-Mail ist ziemlich uninteressant, aber den markierten Satz fand ich bemerkenswert:

Wenn Sie Fragen zu dieser Bestellung haben [...], antworten Sie einfach auf diese E-Mail.

Eigentlich sollte das klar sein. Wenn ich eine E-Mail erhalte und Fragen zu ihrem Inhalte habe, antworte ich auf diese E-Mail. Aber jahrelang wurde quasi jede automatisiert versendete E-Mail vom Absender do-not-reply@domain.com versendet und oft wurde das im Inhalt noch einmal erwähnt: “Antworten Sie nicht auf diese E-Mail”. Das ist Schwachsinn. Wieso soll ich auf diese E-Mail nicht antworten? Aber das do-not-reply-System hat sich durchgesetzt und darum muss Amazon extra in ihren E-Mails erwähnen, dass man darauf antworten kann.

On a related subject: Ich würde auch unheimlich gerne auf E-Mail-Benachrichtigungen “xy hat dir eine Nachricht gesendet” von Twitter und Facebook antworten. Ich kann den Inhalt der Nachricht lesen, aber anstatt das ich die Antwort sofort eintippen kann, muss ich einen Link anklicken, eventuell muss ich mich einloggen und erst dann kann ich auf die Nachricht antworten. Das ist dumm.